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11 Minuten mit dem Fahrrad durch Rösrath – ein Videoprotokoll

Ein Samstag im April. Milde Temperaturen und trocken. Ein guter Zeitpunkt, um ein Vorhaben anzugehen, das uns schon länger unter den Nägeln brennt. Nämlich: eine der wichtigsten Strecken in Rösrath mit dem Fahrrad abzufahren und die Ergebnisse im Video zu dokumentieren. Klar war, dass wir dabei auf die den Radfahrern bekannten Unannehmlichkeiten stoßen würden. Nicht planbar hingegen war, dass dabei innerhalb von 11 Minuten drei durch Autofahrer:innen verursachte Risikosituationen dokumentiert wurden.

Im Folgenden werden die wichtigsten Situationen und Erkenntnisse aus dem Video zusammengefasst.

Das allgegenwärtige „Ich muss doch nur mal kurz…“

Es ist ein tägliches Ärgernis, nicht nur in Rösrath: Autos und Kleinlaster nutzen Fuß- und Radwege als alternative Haltezonen. Auch in unserem Video ist eine solche Situation zu sehen, bei der zwei Privatpersonen den Radweg mit Auto und offener Beifahrertüre komplett versperrt haben und dabei offenbar in eine längere Unterhaltung vertieft waren.

Dieses Verhalten ist in manchen Fällen (Zustelldienste) zwar nachvollziehbar, in den allermeisten Fällen aber eher auf Bequemlichkeit und/oder Gedankenlosigkeit zurückzuführen. Auch wenn das Halten nur kurzzeitig ist, so gibt es in der Summe eines Tages dennoch eine Vielzahl vermeidbarer Risikosituationen für Radfahrer:innen. Für Autofahrer ist das Risiko, sich für dieses unsolidarische Verhalten verantworten zu müssen, leider momentan sehr gering.

Diese Situationsbeschreibung wird durch den Fahrrad-Klimatest des ADFC bestätigt, bei dem etwa 80 Prozent der Befragten in Rösrath diesen Aspekt als problematisch bewertet haben.

Uneinsichtige Ausfahrt mit Risiko für Radfahrer:innen

Eine andere Situation ist bei der Ausfahrt des Edeka-Marktes und Lidl-Parkplatzes zu konstatieren: In diesem Fall war es nicht Gedankenlosigkeit des Autofahrers, die zu einer Gefährdung von Radfahrer:innen führte. Um Straßeneinsicht zu haben, sind Autofahrer:innen tatsächlich gezwungen, auf den Fahrradweg zu fahren. Ein eindeutiger Planungsfehler!

Dazu kommt, dass Radwege bei Einfahrten und Straßenübergänge generell nicht mittels Farbe markiert sind. Hierzu gibt es Studien und Best Practices, wie bereits diese einfache Maßnahme zu einer Erhöhung der Sicherheit führen kann.

Dooring ist eine reale Gefahr

Als „Dooring“ bezeichnet man die Gefahr, dass Fahrer eines parkenden Autos ihre Tür öffnen und dabei nicht auf den rückwärtigen Radverkehr achten. Dieses Risiko ist dann besonders hoch, wenn Straßen eng sind. Dann müssen Radfahrer:innen nah am Straßenrand fahren und haben bei sich plötzlich öffnenden Türen keine gefahrlose Ausweichmöglichkeit in die Straßenmitte.

Im Bereich der Hauptstraße in Hoffnungsthal zwischen Bürgerforum und REWE ist dies der Fall. In unserem Video ist eine Situation zu sehen, in der ein Autofahrer unvermittelt im Halteverbot vor der GGS Hoffnungsthal hält und der folgende Radfahrer mit einem Dooring rechnen muss, aber in diesem Fall nur mit hohem Risiko nach innen auf die Fahrbahnmitte ausweichen könnte.

Übrigens wird Radfahrern empfohlen, an Dooring-Risikostellen einen Mindestabstand von einem Meter, besser aber 1,50m von parkenden Autos einzuhalten. Würden Radfahrer dies auf der beengten Hauptstraße von Rösrath beherzigen, so würden sie mit hoher Wahrscheinlichkeit den Zorn von Autofahrern auf sich ziehen.

Überquerungshilfen – für Fahrradfahrer problematisch

Wer möchte beim Überqueren einer vielbefahrenen Straße nicht unterstützt werden? In der realen Praxis haben Überquerungshilfen aber zwei Nachteile:

  1. Durch die Überquerungshilfe wird die Straße verengt. Der Preis dafür ist, dass an diesen Stellen der Radverkehr mit dem motorisierten Verkehr zusammengeführt wird und potenzielle Risikosituationen für die schwächeren Verkehrsteilnehmer entstehen.
  2. Auch Fußgänger müssen dem Primat des „fließenden“ (motorisierten) Verkehrs Tribut zollen. Die Vorfahrt hat immer der Stärkere.

Wo immer man kann, sollte man bei der Stadtplanung Zebrastreifen gegenüber den Überquerungshilfen bevorzugen.

Das Primat des „fließenden“ Verkehrs

Es ist ein Relikt der autofreundlichen Stadtplanung der Vergangenheit: Das Primat des „fließenden Verkehrs“ hat auch das Stadtbild von Rösrath deutlich geprägt. Es ist auf eine Teilgruppe der Bevölkerung zugeschnitten, nicht die Bedürfnisse der Mehrheit von Menschen und deren alltäglicher Lebensqualität.

Dies führt dazu, dass Radwege politisch quasi als „Resterampe des öffentlichen Raums“ behandelt wurden. Wo sie reinpassen, ohne den fließenden Verkehr zu beeinträchtigen, ist es genehm. Ansonsten ist der Radweg eben zu Ende oder man führt Fußgänger und Radfahrer auf einem Weg zusammen. An Baustellen sind sie die ersten Flächen, die abgesperrt werden. Nicht baulich abgetrennte Radwege werden von Autofahrern gerne als „alternative“ Spur genutzt.

Radfahren wird aber nur dann attraktiv, wenn es a) sicher ist und b) ein zügiges Vorankommen gewährleistet. Diesbezüglich ist gesamtgesellschaftlich momentan einiges in Bewegung – diese positive Entwicklung möchte ZLR mit anderen gesellschaftlichen Akteuren weiter vorantreiben.

Der traurige Zustand der Radwege

Zum Schluss sollte auch der traurige Zustand der Radwege nicht unbeachtet bleiben. Eine Vielzahl von Gullys, Spurrillen und Schlaglöchern machen die Fahrt nicht nur ausgesprochen unkomfortabel, sondern bergen auch Risiken, dass man mit dem Fahrrad kurzzeitig „aus der Spur“ kommt. Jede dieser Unannehmlichkeiten für sich allein mag vernachlässigbar sein, in der Summe beeinträchtigen sie aber die Gesamterfahrung erheblich.

Natürlich sind nicht alle Probleme (einfach) lösbar

Uns ist bewusst, dass Planungsfehler der Vergangenheit nicht komplett rückgängig gemacht werden können. Dennoch lohnt es sich über Möglichkeiten für eine echte Verkehrswende nachzudenken. Kleine pragmatische Verbesserungen sind wünschenswert, doch dabei sollte ein größeres Ziel nicht aus den Augen verloren werden.

Zentrale Bedeutung hat dabei, dass schwächere Verkehrsteilnehmer und ökologischere Fortbewegungsformen in einem neuen Verkehrskonzept priorisiert werden sollten. Eine Abkehr vom Recht des Stärkeren. Dies ist sicher eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe; nicht überall kann die Stadt hier autonom agieren. Aber: Im Zusammenspiel mit anderen Kommunen und gesellschaftlichen Akteuren wie dem ADFC kann die Stadt Rösrath darauf hinwirken, dass sich Rahmenbedingungen durch Entscheidungen auf übergeordneten föderalen Ebenen ändern.

Konkrete Vorschläge zur Verbesserung

  • Ein zentrales Wahlkampfthema von ZLR war die Entschleunigung des Verkehrs: Unsere Forderung nach Tempo 30 in den Kernzentren bleibt bestehen; gerade bei den bekannten engen Straßensituationen wäre dies ein wichtiger Beitrag für die gefühlte Sicherheit von Radfahrenden.
  • Wo immer es rechtlich möglich ist, sollten Zebrastreifen gegenüber Überquerungshilfen bevorzugt werden.
  • Zentrale Wege sollten erhöhte Priorität für mehr Fahrradfreundlichkeit erhalten. Ein Beispiel: die Strecke von Hoffnungsthal zum Schulzentrum Freiherr-vom-Stein. Dieser Weg liegt für die meisten Schüler:innen unter 5km. Das heißt: Es gibt dafür keinen Zuschuss für preisreduzierte Schülertickets! Die Strecke gilt somit für Schüler:innen als zumutbar per Fuß oder Fahrrad, zu jeder Tages- und Jahreszeit, also auch im Winter um 7 Uhr morgens. Diese Zumutbarkeit bedeutet aber auch eine Bringschuld der Stadt, die Wege bestmöglich sicher und einigermaßen komfortabel zu machen. Und nicht zuletzt auch im Winter einen Räumdienst für die Fahrradwege sicherzustellen, was derzeit nicht der Fall ist.
  • Farbliche Markierung von Radwegen und – wo möglich – bauliche Abtrennung von Fahrradwegen zur Autostraße: Studien haben deutlich gezeigt, dass baulich abgetrennte Fahrradwege zu einem erhöhten Gefühl von Sicherheit führen und ihre Nutzung erhöhen. Diese Erkenntnisse sollten in ein künftiges Verkehrskonzept miteinbezogen werden.

Weiterführender Link

  • DStGB-Dokumentation Nr. 158 – Förderung des Radverkehrs in Städten und Gemeinden: „Mit dieser gemeinsamen Dokumentation, mittlerweile in ihrer dritten und komplett überarbeiteten Auflage, wollen der DStGB und der ADFC die Kommunen gemeinsam weiter motivieren, die Förderung des Radverkehrs voranzutreiben. Die Publikation richtet sich dabei an Verwaltungsmitarbeiter:innen und Kommunalpolitik gleichermaßen. Sie gibt einen umfassenden Überblick über die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten von Städten, Landkreisen und Gemeinden. Hierzu zählen Aspekte der Verkehrssicherheit, zeitgemäße Standards für Radinfrastruktur in der Stadt wie auf dem Land sowie Mitmach-Aktionen, um für einen starken Radverkehr vor Ort zu werben. Übersichten zu Förderprogrammen des Bundes, Regelwerken, Ratgebern und Plattformen für den Wissenstransfer runden die Dokumentation ab.“

Musik unter Creative Commons Lizenz bzw. Public Domain:

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